
Polak bei Flüchtlingsseelsorge-Gipfel: "Zeitbomben" verhindern
Mit einem Appell, die Seelsorge verstärkt auch auf den Umgang mit Flüchtlingen auszurichten, ist am Montag der dritte katholische Flüchtlingsgipfel der Deutschen Bischofskonferenz in Köln zu Ende gegangen. Leben und Lernen von Schutzsuchenden könne die Seelsorge verändern, hob dabei die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak in ihrem Vortrag hervor. "Mit ihnen kann die Kirche wieder zur Lerngemeinschaft im Glauben werden." Dringend nötig sei es jedoch, die Erfahrungen und Bedürfnisse junger geflüchteter Menschen mehr wahr- und ernstzunehmen. Dies geschehe in den derzeitigen Flucht- und Migrationsdebatten empörend wenig.
Durch die seelsorgliche Begleitung von Geflüchteten würden westliche Christen die "Chance" erhalten, von diesen "wieder zu lernen, was eine in Leben und Kultur selbstverständlich eingebettete, eine 'embedded religion', ist", sagte die Wiener Pastoraltheologin. Seelsorge müsse außerdem nach den wahren Ursachen von Ängsten im Zusammenhang mit der Flüchtlingsdebatte fragen.
Zudem gelte es, "auf die Geschichte und Geschichten der Anderen zu hören und das Leid der je anderen wahrzunehmen", unterstrich Polak. Teils bringe dies die Erfahrung von "schmerzlicher Fremdheit" mit sich, etwa im Hinblick auf "Nationalismus, Patriarchat oder Antisemitismus von Christen und Muslimen aus dem Osten". Die Aufgabe, Verschiedenheit zu lernen, sei zentral für die Seelsorge: "begleitet von den Versuchungen, Verschiedenheit als Störung zu beseitigen; beim gemeinsamen Gebet zu verschleiern; durch zu rasche Taufen einzugemeinden". Wenn dieser Lernprozess jedoch gelinge, werde die Kirche ein Vorbild für eine "inklusive Migrations-Gesellschaft".
Polak sprach von der "tickenden Zeitbombe" der psychischen Verletzungen junger Geflüchteter: Diese würden sich nachhaltig und "über Generationen hinweg" auswirken. Überdurchschnittlich häufig würden Migranten an chronischen psychischen und physischen Krankheiten leiden. "Über die transgenerationale Weitergabe von Traumata, von Unversöhntheiten, Ressentiments und Hass dräut hier ein für den Einzelnen lebensgefährliches, für das gesellschaftliche Zusammenleben bedrohliches Szenario, das auch die nachkommenden Generationen extrem belasten kann", so die Theologin.
Vatikan-Experte: Niemanden zurücklassen
Nötig seien besondere Aufmerksamkeit und Anstrengungen, damit zum Verlassen ihrer Heimat gezwungene Menschen nicht ausgeschlossen oder zurückgelassen würden, sagte beim Flüchtlingsgipfel der Untersekretär der Abteilung für Migranten und Flüchtlinge im vatikanischen Dikasterium für den Dienst zugunsten der ganzheitlichen Entwicklung des Menschen, Pater Michael Czerny. Papst Franziskus fordere dies stets ein und sehe als zentrales Leitmotiv für kirchliches und staatliches Handeln "aufnehmen, schützen, fördern, integrieren", sagte der kanadische Jesuit.
Flüchtlingsbischof: Wichtige Aufgabe der Kirche
Zum dritten katholischen Flüchtlingsgipfel Deutschlands mit dem Schwerpunkt Seelsorge - der vorangehende vor einem Jahr in Frankfurt war dem Thema Integration gewidmet gewesen - waren rund 150 Praktiker, Experten und Ehrenamtliche der kirchlichen Flüchtlingshilfe zusammengekommen. Der Flüchtlings-Sonderbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Stefan Heße, bezeichnete die Seelsorge für Flüchtlinge als eine der wichtigsten Aufgaben der Kirche. "Wer geflüchtet ist, braucht eine Möglichkeit, um Heilung und Heil zu erfahren", sagte er im Interview mit der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA. Wenn die Betroffenen nicht umsorgt würden, könnten Wunden zurückbleiben.
Die Nöte und Ängste von Flüchtlingen gerieten "allzu leicht aus dem Blick", sagte Heße. Es könne Christen jedoch "nicht gleichgültig sein, wenn Hartherzigkeit an die Stelle von Solidarität tritt". Er setze auf Begegnung, um Ängste abzubauen. Auch müsse die Kirche nach Wegen suchen, wie man Ressentiments entgegentreten könne. Die Kirche müsse "präsent sein" an Orten der Verzweiflung und fehlender Freiheit, dort "Gottes Liebe verkünden und bezeugen" und "Gott gerade dort entdecken helfen, wo unsere Bequemlichkeit seine Gegenwart nicht zulassen mag", so der Erzbischof von Hamburg.
Viele Flüchtlinge sind Christen
Eine besondere Verantwortung der Kirchen besteht nach den Worten Heßes darin, geflüchteten Christen aus dem Orient, dem Nahen und Mittleren Osten oder afrikanischen Ländern angemessene Seelsorge anzubieten. Die Zahl allein der 2015 nach Deutschland geflohenen Christen schätze man auf 200.000, die meisten davon orthodoxen Glaubens, jedoch auch viele aus mit Rom unierten Ostkirchen. Die klassischen Missionen, die vor Jahrzehnten für Gastarbeiter aufgebaut wurden, "haben in der Regel kaum Berührungspunkte zu den Herkunftsländern der Geflüchteten". Dies bedeute sowohl im Bereich der muttersprachlichen als auch der allgemeinen Pastoral neue Herausforderungen.
Heße dankte denjenigen, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Dieser Einsatz stimme ihn zuversichtlich, betonte der Erzbischof. Es blieben jedoch zahlreiche Fragen: etwa danach, wie Menschen seelsorglich unterstützt werden könnten, denen eine Abschiebung drohe, nach seelsorglichen Angeboten für Ehren- und Hauptamtliche in der Flüchtlingsarbeit oder im Hinblick darauf, wie Menschen mit muslimischem Hintergrund begleitet werden könnten. Helfer bräuchten jedoch eine Rückenstärkung, zumal sie sich derzeit "in einem Klima geprägt von Vorurteilen und Feindseligkeiten oft entmutigt" fühlten.
Woelki drängt auf Einwanderungsgesetz
Kardinal Rainer Maria Woelki appellierte vor dem Gipfel an die Verantwortlichen in der Politik, ein Einwanderungsgesetz zu beschließen. Nur auf diesem Weg könne den Schleppern das Handwerk gelegt werden, sagte er im Umfeld des Gipfels bei der Übergabe eines von der Erzdiözese Köln erworbenen Flüchtlingsbootes an das Bonner Haus der Geschichte. Es müssten legale Wege für Asylsuchende geschaffen werden, um das Sterben auf dem Mittelmeer zu beenden. Zugleich forderte der Erzbischof dazu auf, den Familienzuzug für in Deutschland anerkannte Flüchtlinge zu ermöglichen.
Quelle: kathpress