
Buch "Hitlers Jünger und Gottes Hirten" beleuchtet Zeit nach 1945
"Hitlers Jünger und Gottes Hirten": Unter diesem Titel ist jetzt die ein brisantes Thema behandelnde Dissertation der ORF-Journalistin und stellvertretenden Vorsitzende des "Verbandes katholischer Publizistinnen und Publizisten Österreichs", Eva Maria Kaiser, als Buch erschienen. Die komprimierte Version der vom Erzbischof-Rohracher-Studienfonds der Erzdiözese Salzburg ausgezeichneten Doktorarbeit "Ausgetretene - Belastete - Brückenbauer. Die katholischen Bischöfe Österreichs und ihr Einsatz für ehemalige Nationalsozialisten 1945-1955" basiert auf Recherchen in allen österreichischen Diözesanarchiven und stellt durchaus auch Kritikwürdiges zum Agieren kirchlicher Verantwortungsträger in der Phase nach der NS- und Kriegszeit dar.
Der letzte, resümierende Satz in Kaisers Buch lautet: "Dem Einsatz der katholischen Amtskirche für die 'Ehemaligen' haftet - bei aller guten theologischen und gesellschaftspolitischen Absicht - ein schaler Nachgeschmack an, der durch die Würdigung der NS-Opfer auch in den eigenen Reihen erst Jahrzehnte später gemildert wurde." Die Kirche habe nach dem Krieg als eine vom NS-Regime verfolgte Organisation aus einer Position des moralischen Siegers heraus agiert und "glaubte, für ihre früheren Verfolger eintreten zu müssen", so die Redakteurin im ORF-"Report". Vor allem der Salzburger Erzbischof Andreas Rohracher (1943-1969) habe auf christlicher Versöhnungsbereitschaft und der "Befriedung der Gesellschaft" insistiert, er und andere Bischöfe hätten dabei aber die zahlreichen Opfer des verbrecherischen NS-Regimes - sogar jene in den Reihen des Klerus - ignoriert. "An den Opfern vorbei und hinter deren Rücken kann es jedoch keine Versöhnung geben", zitierte Kaiser dazu den Wiener Dogmatikprofessor Jan-Heiner Tück.
Versöhnung auch um Preis des Wegschauens
Gegenüber "Kathpress" betonte Kaiser dazu, dass es ihr fern liege, aus heutiger zeitlicher Entfernung zur Nachkriegszeit den Stab der moralischen Entrüstung über die damals Verantwortlichen zu brechen. Aber schon damals habe es manch emotionale Äußerung von zurückgekehrten KZ-Priestern gegeben, die sich eine andere Haltung ihrer Bischöfe gewünscht hätten.
Auch im Vergleich mit der Bischofskonferenz in Deutschland oder mit dem selbst wegen seines Stillschweigens gegenüber den Nazis kritisierten Papst Pius XII., der bereits im Juni 1945 ein Fehlverhalten von "verblendeten" Gläubigen ansprach, komme der heimische Episkopat schlecht weg. Kaiser erinnerte an den Hirtenbrief der österreichischen Bischöfe vom 21. September 1945 und an ähnliche Schreiben auf Diözesanebene, in denen Themen wie Krieg, Nationalsozialismus oder die Schuldfrage "nur am Rande angesprochen" worden seien. Die Bischöfe hätten vielmehr auf das christliche Verzeihen sowie den Verzicht auf jegliche Form von Rache gepocht, ehemaligen Nazis und Ausgetretenen sollte die Rückkehr in die Kirche nicht erschwert werden. Zugleich nahmen sie mit Milde-Appellen zur staatlichen Entnazifizierung Stellung, nur schwere Verbrecher sollten bestraft, NS-Mitläufer hingegen pardoniert werden.
Kritik übte Kaiser an der "schmerzlichen" Tatsache, "dass die Verfolgung und systematische Ermordung der Juden weder im gemeinsamen Hirtenbrief des Episkopats noch in den Nachkriegsschreiben der einzelnen Diözesanbischöfe ein klares Wort der Verurteilung oder auch nur des Bedauerns finden". Ohne jedes noch so geringe Eingeständnis einer Schuld oder Mitschuld von Seiten der Kirche oder auch nur eines kleinen Teiles der Gläubigen stellten sich die Bischöfe - so Kaiser - ohne Abstriche hinter die "österreichische Opferdoktrin", die damals auch von den politischen Parteien vertreten worden sei.
Andererseits müsse nach Durchsicht von Diözesanarchiven "mit dem Mythos aufgeräumt" werden, die Kirche hätte "jedem Nazi" sofort und uneingeschränkt geholfen. In Salzburg und Gurk z.B. sei vor Amnestiegesuchen jeder Fall intensiv geprüft worden, um verlässliche Informationen über die "Würdigkeit" des Bittstellers einzuholen.
(Eva Maria Kaiser: Hitlers Jünger und Gottes Hirten. Der Einsatz der katholischen Bischöfe Österreichs für ehemalige Nationalsozialisten nach 1945. 424 Seiten, Böhlau-Verlag 2017)
Quelle: kathpress