
Theologe: Kreuzerlass-Kritiker haben ein irregeleitetes Jesusbild
Das Kreuz kann nicht nur machtpolitisch, sondern auch "ohnmachtspolitisch" instrumentalisiert werden - und etliche Kritiker des bayerischen Kreuzerlasses, darunter auch Bischöfe und Kardinäle, sind dieser Versuchung erlegen: Das hat der Theologe Ludger Schwienhorst-Schönberger in der "Herder Korrespondenz" zum Ausdruck gebracht: Wer jede christliche Legitimation staatlicher Macht als unchristlich und illegitim bezeichne und das Christentum als "absolut gewaltlos" auffasse, missverstehe Jesus und betreibe in der Argumentation einen schweren, an Häresie grenzenden Kategorienfehler, so der an der Universität Wien lehrende Alttestamentler.
Christus sei das "Wort, das die ganze Heilige Schrift in sich zusammenfasst", erklärte Schwienhorst-Schönberger. Dazu gehöre auch das Alte Testament, in dem Gott Gewalt sehr wohl rechtfertige - in Fällen, wo durch sie andere Gewalt eingedämmt wird. Zumindest die Anwendung dieser rechtmäßigen Gewalt werde von Jesus und auch dem Neuen Testament insgesamt selbstverständlich und als "gottgewollte Ordnung" vorausgesetzt. Die von Jesus gezeigte Gewaltlosigkeit allein schaffe es freilich, die Bosheit des menschlichen Herzens zu heilen - was Gewalt nicht zusammenbringe.
Zusammengefasst also:
Das Problem der Gewalt wird in zwei großen Schritten einer Lösung zugeführt: Im Alten Testament durch die Einführung des Rechts und die Legitimation der an das Recht gebundenen Gewalt zur Eingrenzung unrechtmäßiger Gewalt, und im Neuen Testament durch die dem Menschen entgegenkommende göttliche Liebe, die keine Gewalt anwendet. Der zweite Schritt hebt den ersten nicht auf, sondern setzt ihn als bleibend voraus.
Die Eingrenzung der Gewalt durch Gewalt verhindere das Schlimmste und bewahre die Welt vor dem Rückfall ins Chaos, packe das Übel - das auf Reichtum, Ehre und Macht ausgerichtete Herz - jedoch nicht an der Wurzel.
Es wäre demnach verfehlt, dem alttestamentlichen Gesetz die neutestamentliche Liebe und Barmherzigkeit entgegenzustellen, schrieb der Bibelexperte. Jesus habe zwar keinen Staat gründen wollen, er verwerfe den Staat aber auch nicht oder rufe zum Aufstand gegen die römischen Besatzer auf, sondern sehe das Gesetz als Ausdruck göttlicher Liebe. Seine Botschaft sei "im Kern unpolitisch", betonte Schwienhorst-Schönberger. Jesus sei auch nicht aus politischen Gründen verurteilt worden, sondern nur durch die geschickte Verdrehung seines messianischen Anspruchs ins Politische durch die jüdische Führung, wodurch erst der Römer-Statthalter Pontius Pilatus der Kreuzigung zustimmte.
Blasphemie und Häresie
Nun der Brückenschlag des Theologen zur aktuellen Debatte: In vielen Stellungnahmen zum Kreuzerlass würden die genannten Ebenen vermischt und verhängnisvoll verzerrt. Das genuin politische Alte Testament mit seinen Aussagen zu Aufgaben und Grenzen staatlicher Macht werde komplett ignoriert und Jesus politisiert - "Markion lässt grüßen", spielte Schwienhorst-Schönberger auf den "Erzketzer" der Kirchengeschichte an, der im 2. Jahrhundert das Bild eines "bösen Gottes" im Alten Testament prägte. Es sei eine "fatale Asymmetrie", im Kreuz nur die Ohnmacht zu sehen, es der Macht des Staates entgegenzustellen und Jesus so als politischen Rebellen zu zeichnen.
Die absolute Gewaltlosigkeit Jesu bedeutet gerade nicht, dass dem Staat die Aufgabe abgesprochen wird, eine rechtmäßige Ordnung zu schaffen und aufrechtzuerhalten.
Weder aus christlicher noch aus demokratiepolitischer Sicht sei grundsätzlich etwas dazu einzuwenden, wenn sich ein Staat dazu bekenne, "seine normativen Grundlagen vom christlichen Glauben her prägen und diese Bereitschaft auch öffentlich symbolisch sichtbar werden zu lassen". Dem Staat gehe es dabei "gerade nicht um eine durch staatliche Gewalt abgestützte Verbreitung des christlichen Glaubens", was dann tatsächlich gegen die Botschaft Jesu - der seinen Heimatort Nazareth verließ, als er dort abgelehnt wurde - eklatant verstoßen würde.
Als unverdächtige Zeugin verwies der Wissenschaftler auf die Präsidentin der israelitischen Kultusgemeinde München und ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch: Sie habe den bayerischen Kreuz-Erlass vorsichtig begrüßt, da sie es vor dem Hintergrund der Mammutaufgabe Integration für "wichtig und richtig" halte, "Normen und Werte zu definieren und deren Anerkennung einzufordern, die für das Miteinander in unserem Land indisponibel sind". Dazu gehöre auch eine gewisse Symbolik, "um Identität und Prägung zu demonstrieren", so Knobloch wörtlich.
Kreuz beauftragt zur Gestaltung
"Wer meint, Christen müssten auf die aktive Gestaltung staatlicher Macht verzichten, weil das Kreuz allein ein Zeichen der Ohnmacht sei, und dürften sich lediglich mit Nichtregierungsorganisationen verbünden, degradiert das Christentum letztlich zu einem ohnmächtigen Beobachter und Kommentator des Zeitgeschehens, der die Gestaltung einer staatlichen Ordnung anderen überlassen muss", resümierte Schwienhorst-Schönberger. Genau diese Erfahrung habe nach 1945 die christlich-demokratischen Parteien entstehen lassen. Statt zum Verzicht auf Gestaltung und angemessene staatliche Macht verpflichte das Kreuz darauf, "alle Bereiche der Welt - und dazu gehört nun einmal auch der Staat - im Geiste jener Weisheit zu gestalten, die in der Heiligen Schrift, bestehend aus Altem und Neuem Testament, bezeugt wird".
Quelle: kathpress