
IKG-Präsident Rosen: Plädoyer für "echte Begegnungen"
Echte Begegnungen finden dort statt, wo man als Menschen zusammenkommt. - Das betont Elie Rosen, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) für die Bundesländer Salzburg, Steiermark und Kärnten, im Interview mit dem Kärntner "Sonntag". Er berichtet u.a. von zuletzt gut besuchten Chanukka-Feiern. Jüdische Feiern würden oft bewusst "offen" gestaltet und die Kommunikation und der Austausch mit der nichtjüdischen Umwelt gelinge gut, so Rosen: "Begegnung findet meiner Wahrnehmung nach ja nicht dadurch statt, dass man einander versichert, was man alles gemeinsam hat, sondern dort, wo man als Menschen zusammenkommt und wo es echtes Interesse am Gegenüber gibt."
Das sei ihm viel wichtiger als institutionalisierte, akademische Veranstaltungen oder offizielle Gremien, "die meiner Wahrnehmung nach in der Realität versagen", so der IKG-Präsident: "In der Praxis läuft alles über echte Begegnung und Beziehung."
Was ihm zuletzt immer stärker aufgefallen sei: "Es gibt mehr Leute, die ihren antisemitischen Einstellungen vollkommen und mit aller Deutlichkeit freien Lauf lassen, Hassmails schreiben, oder eben Leute, die wirklich zugetan und loyal sind. Der Mittelbereich existiert kaum noch. Das mag eine Reflexion des Zeitgeistes sein und hat mit den derzeitigen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen zu tun."
Herausforderungen in den Gemeinden
Im Blick auf die Gemeinde in Salzburg räumte Rosen große Herausforderungen ein. Es gebe nur wenige Jüdinnen und Juden, und die Chabad-Lubawitsch-Bewegung (Anm.: eine orthodox-jüdische Bewegung, die in 70 Ländern weltweit tätig ist) ziehe noch mehr Menschen von der Synagoge weg. Das führe zu Parallelstrukturen und Spaltung, wie dies in vielen anderen europäischen Städten bereits geschehen sei. Auch das Thema Finanzen sei kein leichtes: "Mir ist die Renovierung der Synagoge wichtig, aber die Finanzierung gestaltet sich als schwierig."
Noch weniger Gemeindemitglieder als in Salzburg gibt es in Kärnten. Rosen: "Wir haben hier natürlich die geringste Mitgliederzahl, wobei ich glaube, dass die Dunkelziffer viel größer ist als man meinen mag; gerade im Seenbereich gibt es viele Zweitwohnsitze." Charakteristisch für Kärnten sei außerdem, dass es keine Synagoge gibt. Rosen: "Vor der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg gab es in der Klagenfurter Platzgasse noch ein Bethaus. Heute wird in der Stadt eine gute Erinnerungskultur gepflegt, und auch der jüdische Friedhof in St. Ruprecht wird von der Stadt so vorbildlich gepflegt wie kaum ein anderer in Österreich." Er würde sich aber über mehr Begegnungen etwa bei Veranstaltungen in Pfarren freuen.
Revolutionäre Shabbatruhe
Als etwas Revolutionäres, gerade in unserer Zeit, empfinde er die jüdische Schabbatruhe, so der IKG-Präsident weiter: "Wir sind ständig Einflüssen von außen ausgesetzt, die uns unruhig werden lassen und die Möglichkeit rauben, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen. In so einer Zeit sind die Ruhevorschriften des Schabbat etwas Revolutionäres."
Er wolle das fast mit einem Einkehrwochenende vergleichen: Das Handy sei ausgeschaltet, Ablenkungen würden bewusst ausgeklammert. Rosen: "Warum verbringen Menschen zwei Tage in einer Klosterzelle? Weil sie wieder zu sich finden möchten, weil sie Ruhe finden möchten. Und das haben wir Jüdinnen und Juden mit dem Schabbat - jede Woche."
Das Interview fand anlässlich des "Tages des Judentums" statt, den die Kirchen am 17. Jänner begehen. Um die Verbindung zwischen Christentum und Judentum bewusster zu machen, hat der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich im Jahr 2000 diesen Termin eingeführt, an dem es vielerorts in Österreich spezielle Veranstaltungen und Gottesdienste zum Thema gibt. Der "Tag des Judentums" ist auch der Auftakt zur "Gebetswoche für die Einheit der Christen" (18. bis 25. Jänner).
Quelle: Kathpress