
"Mythos Kopftuch": Hochkarätige Fachtagung an Uni Wien eröffnet Dialog
Erstmals in Österreich ist es gelungen, führende Expertinnen und Experten aus Islam, Politik, Recht, Medien, Pädagogik und Wissenschaft zu einer Fachtagung zum Aufreger-Thema Kopftuchverbot zu versammeln. Unter dem Titel "Mythos Kopftuch" ging es am Samstag an der Universität Wien um die religiöse Bedeutung der weiblichen Kopfbedeckung im Islam ebenso wie um gesellschaftliche Konfliktlinien dazu. Das erklärte Ziel, stereotype Narrative kritisch zu hinterfragen und einen Anfangspunkt in einem möglichst breiten Dialog zu setzen, sei erreicht worden, zog Veranstalter Prof. Tugrul Kurt vom Institut für Islamisch-Theologische Studien (IITS) am Montag im Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress Bilanz.
Thematisch standen die Debatten mit mehreren hochkarätig besetzten Panels rund um das im Dezember beschlossene Kopftuchverbot an Schulen für Mädchen unter 14 Jahren im Mittelpunkt, das ab September 2026 in Kraft treten soll, wobei ab Februar eine Aufklärungsphase startet. Hinsichtlich der praktischen Umsetzung sei noch vieles unsicher, wies Dekanin Prof. Andrea Lehner-Hartmann gegenüber Kathpress hin. "Die Politik möchte ein Signal setzen, doch Selbstermächtigung von Mädchen lässt sich nicht allein mit einem Gesetz erreichen." Ein komplexes Abwägen zwischen Kindeswohl, Elternrechten, Religionsfreiheit und gesellschaftlicher Teilhabe sei vonnöten - was bei der Tagung auf "sehr konstruktive" Weise sichtbar geworden sei.
An der Fachveranstaltung beteiligt waren unter anderem IGGÖ-Präsident Ümit Vural, die Islamexperten Mouhanad Khorchide (Münster), Ömer Özsoy (Frankfurt), Ednan Aslan, Soziologe Kenan Güngör, Rechtsphilosoph Stefan Schima, Ethnologin Susanne Schröter (Frankfurt) sowie der frühere Kultusamts-Leiter Oliver Henhapel und Susanne Wiesinger, ehemalige Ombudsfrau für Wertefragen im Bildungsministerium. Von politischer Seite sprachen als Vertreter der Regierungsparteien Henrike Brandstötter (NEOS), Heinrich Himmer (SPÖ) und Nico Marchetti (ÖVP), und auch zahlreiche Lehrkräfte, Religionspädagoginnen und Vertreterinnen der KPH Wien-NÖ waren anwesend und beteiligten sich an den Diskussionen; von Integrations- und Kultusministerin Claudia Bauer kam eine Videobotschaft.
Muslimischer Austausch
Als ein zentrales Ergebnis der Tagung bezeichnete Kurt die deutlich gewordene Notwendigkeit eines stärkeren innerislamischen Austauschs zum Thema. "Es ist entscheidend, dass unterschiedliche muslimische Perspektiven zusammenkommen, miteinander sprechen und sich verständigen", so der Tagungsleiter. Es gebe in der muslimischen Community keine einheitliche Sichtweise, vielmehr eine große Bandbreite theologischer und biografischer Zugänge. Diese Differenzen müssten offen diskutiert werden, auch unabhängig von staatlichen Regelungen. So erläuterten etwa Khorchide und Özsoy, dass das Kopftuch nicht eindeutig im Koran vorgeschrieben sei und heutige Auffassungen oft auf mittelalterlichen Traditionen beruhten. Auch sei die häufige Gleichsetzung von religiöser Reife mit biologischer Entwicklung theologisch nicht haltbar. Schröter wies hingegen darauf hin, dass das Tragen eines Kopftuchs nicht automatisch mit Islamismus gleichzusetzen ist.
Hohen Respekt zollten die Veranstalter IGGÖ-Präsident Vural für seine Teilnahme am Panel - es ging dabei um "religiöse Sichtbarkeit in der pluralen Gesellschaft" -, wo er sich auch der Diskussion stellte. Der Spitzenvertreter des Islam in Österreich warb dabei um Vertrauen und gemeinsame Lösungsansätze, nachdem bisher "oft aneinander vorbeigeredet" worden sei. Kurt zufolge habe insbesondere diese Abschussdebatte gezeigt, dass kontroverse, stark emotionsbesetzte Positionen auch ohne Eskalation, auf sachliche und differenzierte Weise ausgetragen werden können.
Nicht nur Schwarz-Weiß
Kurt wies gegenüber Kathpress auf den Umstand, dass das von ihm geleitete Institut für Islamisch-Theologische Studien an der Universität Wien bislang bewusst keine Stellungnahme zum Kopftuchverbot abgegeben habe, um allen Stimmen Raum zu geben: Eine klare Positionierung "pro oder contra" greife zu kurz. Er selbst sehe sowohl Aspekte des Kindeswohls als auch Probleme symbolischer Gesetzgebung. "Warum muss man sich immer eindeutig positionieren? Die Realität besteht oft aus Grauzonen", unterstrich Kurt. Gerade diese Zwischenräume habe die Tagung sichtbar machen wollen, es sei dabei nicht darum gegangen, siegreich aus einer Debatte hervorzugehen oder andere zu überreden. Kritische Stimmen aus dem Publikum oder solche, die die hohe Betroffenheit teils auch emotional zum Ausdruck brachten, seien dabei konstruktiv eingebunden worden, zudem auch persönliche Erfahrungen, etwa von Lehrkräften oder ehemaligen Politikerinnen.
Der Institutsvorstand bezeichnete die Tagung als "möglichen Beginn eines Dialogs, der bisher in Österreich kaum stattgefunden hat". Die Universität stehe bereit, dafür eine vermittelnde Rolle zu übernehmen, denn unabhängig davon, ob das Kopftuchverbot in Kraft tritt oder vom Verfassungsgerichtshof aufgehoben wird, brauche es begleitende Diskussionsräume. Dabei gehe es nicht nur um politische Maßnahmen, sondern auch um theologische Klärung und innergesellschaftliche Verständigung.
Auch Mitveranstalter Aslan, Leiter des Zentrums für europäischen Islam und gesellschaftliche Transformation (CEMIST), hob hervor, dass der Dialog zwischen muslimischer Community, Lehrkräften und Politik nach der Tagung fortgeführt werden müsse, um langfristige Lösungen zu ermöglichen. Sinnvoll wären auch regelmäßige Foren und Gespräche auf lokaler Ebene, da die Ausgangslage in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich sei.
Eine Publikation der Tagung ist geplant, um die Diskussion über die Veranstaltung hinaus zu dokumentieren. Ob und wie eine direkte Fortsetzung stattfinden wird, soll in den kommenden Wochen entschieden werden.
Quelle: kathpress