
Wien: Gebetsabend für Iran mit Aufruf zu "Sanftmütigkeit"
Rund 200 Menschen haben am Mittwochabend in der Wiener Jesuitenkirche an einem Friedensgebet für den Iran teilgenommen. Im Zentrum des Abends stand insbesondere das Gedenken an die Opfer der jüngsten Gewaltexzesse bei den Großdemonstrationen im Iran. Die Anwesenden trugen dabei in einem Lichterritual Kerzen in den Altarraum und stellten diese dort schweigend ab. Laut dem Wiener "Pfarrnetzwerk Asyl", das den Abend koordinierte, wurde die erwartete Zahl der Beteiligten bei weitem übertroffen. Als offizieller Kirchenvertreter war auch Weihbischof Franz Scharl zugegen.
In einem Impuls zu Texten der Bergpredigt betonte Daniel Vychytil, Verantwortlicher für das Erwachsenenkatechumenat bei der Österreichischen Bischofskonferenz, die Verse "Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden" und "Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben". Gottes Nähe sei gerade in Zeiten von Leid und Gewalt spürbar, so der Theologe. Er wies auch darauf, dass in der Geschichte keine Diktatur oder kein Reich ewig Bestand habe - "weder das römische, griechische oder nationalsozialistische Reich noch die aktuelle Herrschaft der Mullahs".
Entscheidend sei, so Vychytil weiter, dass nicht wieder die Gewalttätigen am Ende das Land erbten, sondern die Sanftmütigen, "denn nur dann kann es eine gute Zukunft geben. Wenn Friede und Gerechtigkeit in einem Land herrschen, dann haben die Sanftmütigen das Land geerbt." Auch das gemeinsam rezitierte, Franz von Assisi zugeschriebene Gebet "Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens" deutete in diese Richtung.
Der Impuls griff durchaus die Stimmung in der Kirche auf, zumal bei vielen Teilnehmenden Verzweiflung spürbar war, berichtete Vychytil im Anschluss gegenüber Kathpress. Viele der Anwesenden hätten persönliche Verbindungen zu Demonstrierenden, mehrere hätten von Freunden und Familienmitgliedern berichtet, die durch brutale Gewalt des Regimes verletzt oder getötet worden seien. Auch Tränen habe es bei dem Gedenkabend gegeben.
Groß sei vor allem die Ungewissheit über das Schicksal von Angehörigen, zumal im Iran weiterhin Nachrichten- und Internetsperre herrscht. Es gäbe jedoch Signale von einer in wenigen Tagen bevorstehenden Aufhebung, so der Katechumenats-Verantwortliche. Man befürchte bereits viele "Schreckensmeldungen", die dann publik würden.
Regime veröffentlicht Opferzahlen
In den vergangenen Wochen kam es im Iran zu landesweiten Massenprotesten. Die anhaltende Protestwelle entzündete sich Ende Dezember vor allem an den rapide steigenden Lebenshaltungskosten. Die Demonstranten fordern den Sturz der Mullah-Regimes in Teheran. Als Gegenreaktion schaltete die islamische Staatsführung Internet und Telefonleitungen im Land ab.
Am Donnerstag veröffentlichte der Iran nach der gewaltsamen Niederschlagung der landesweiten Proteste erstmals eine offizielle Opferzahl. Demnach kamen 3.117 Menschen ums Leben, darunter 2.427 Zivilisten und Angehörige der Sicherheitskräfte. Die Angaben liegen deutlich unter den Schätzungen von Aktivisten im Ausland, die von 4.902 bestätigten Toten berichten und davon ausgehen, dass die tatsächliche Opferzahl weit im fünfstelligen Bereich liege. Menschenrechtsorganisationen berichten zudem von fast 26.500 Festnahmen, bei denen vielen Hinrichtungen drohen könnten.
Die iranische Führung versucht, die Kontrolle wiederherzustellen und beschuldigt die Demonstranten in staatlichen Medien als von den USA und Israel gesteuerte "Randalierer". Der Zugang zu unabhängigen Informationen ist stark eingeschränkt: Internet und Auslandstelefonate sind blockiert, Journalisten vor Ort können nur eingeschränkt berichten, sodass das Ausmaß der Gewalt schwer überprüfbar bleibt.
Quelle: kathpress