
Islamwissenschafterin: Kopftuch ist mehr als Symbol für Unterdrückung
Das Tragen eines Kopftuches ist stark symbolhaft aufgeladen. Als Begründung für das im Dezember beschlossene Kopftuchverbot an Schulen für Mädchen unter 14 Jahren wurde etwa die Förderung der Selbstbestimmung junger Mädchen genannt. Nicht alle kopftuchtragenden muslimischen Frauen werden aber unterdrückt oder fremdbestimmt, wie die Islamwissenschaftlerin an der Universität Göttingen, Riem Spielhaus, im Interview mit dem "Vorarlberger Kirchenblatt" (22. Jänner) betonte. Das Kopftuch kenne viele Spielarten. Im religiösen Kontext könne das Kopftuch für Bescheidenheit stehen, für manche Herkunft signalisieren oder ein modisches Accessoire sein. Beim Kopftuchverbot gehe es jedenfalls nicht um die Selbstbestimmung junger Mädchen, sondern um nationale Identität.
"Es geht um die Frage, was es eigentlich heißt, österreichisch zu sein. Das ist der Kern", fand Spielhaus eine Erklärung für die Hitzigkeit in der Debatte. Der "Aufreger" sei im Anderssein begründet. "Da ist jemand, die sich anders zeigt und trotzdem dazugehören will", so die Islamwissenschaftlerin. Hinzukomme, dass Religiosität im säkularen Raum möglichst unsichtbar werden solle. Besonderheiten würden nicht gerne gesehen, weil sie irritieren. Sehr selbstbestimmt und modebewusst würden etwa diejenigen, die sich selbst als "Hijabistas" in Anlehnung an "Fashionistas" bezeichnen, das Kopftuch als Accessoire tragen. "Sie wollen modisch auffallen und sich gleichzeitig zum Islam bekennen".
Mit Blick in den Iran zeige sich die politische Aufladung des Kopftuches drastisch, wies die Wissenschaftlerin auf die breite Symbolik des Kopftuches hin. "Wie und ob es getragen wird, ist dort ein politisches Statement. Es gibt die, die sich als besonders linientreu zeigen wollen, ebenso wie jene, die es aus Protest nicht tragen oder so tragen, dass man den Haaransatz sieht". Zu glauben, dass die Befreiung vom Kopftuch automatisch eine Befreiung vom Patriarchat bedeute, sei jedoch falsch und Ungerechtigkeit sei auch kein rein muslimisches Thema, wie in solchen Debatten oft suggeriert werde.
Angesichts des weltweiten frauenfeindlichen Trends und der Digitalisierung der Lebenswelten von Jugendlichen, sei es enorm wichtig, in Elternarbeit und die Arbeit mit Buben und Burschen zu investieren, "damit sie eine konstruktive Männlichkeit entwickeln", riet Spielhaus an. Das Kopftuch müsse entmythologisiert werden. Dazu trage der persönliche Kontakt bei: "Wir brauchen eine Gesellschaft, in der Menschen aufeinander zugehen", forderte Spielhaus. Die politische Debattenkultur müsse sich ändern, "damit die Aufregung einer konstruktiven Gelassenheit Platz machen kann".
Am vergangenen Samstag sprach Spielhaus bei einer Fachtagung zum Thema Kopftuchverbot in Wien über den Islam und weibliche Körperlichkeit. Erstmals in Österreich kamen dabei führende Expertinnen und Experten aus Islam, Politik, Recht, Medien, Pädagogik und Wissenschaft zusammen, um unter dem Titel "Mythos Kopftuch" über die religiöse Bedeutung der weiblichen Kopfbedeckung im Islam und gesellschaftliche Konfliktlinien zu diskutieren.
Quelle: kathpress