
Expertenplädoyer: Mehr Mut zu Kindern, keine perfekten Familien
Es braucht keine perfekten Familien bzw. Eltern, dafür aber mehr Kinder- und Familienfreundlichkeit in der Gesellschaft und vor allem auch in der Arbeitswelt. Das würde jungen Menschen mehr Mut zu Kindern machen, war der Tenor eines "familienpolitischen Gesprächs", zu dem Familienministerin Claudia Bauer am Mittwoch geladen hatte. Ort des Geschehens war "Mamas Café" am Stephansplatz, eine Einrichtung der kirchlichen St. Elisabeth-Stiftung.
Beim "familienpolitischen Gespräch" handelt es sich um eine Veranstaltungsreihe des Bundeskanzleramts. Das Thema am Mittwoch lautete "Gute Eltern, schlechte Eltern? - Warum Perfektion Kinder verhindert". Ministerin Bauer diskutierte mit Eva-Maria Schmidt vom Österreichischen Institut für Familienforschung, Erich Lehner, Psychoanalytiker und Obmann Dachverband für Männer-, Burschen- und Väterarbeit (DMÖ), sowie der Geschäftsführerin der St. Elisabeth-Stiftung, Nicole Meissner.
Sie wolle jungen Menschen "Mut machen", sich für Kinder zu entscheiden, sagte Bauer gleich eingangs der Veranstaltung. Zugleich müsse der gesellschaftliche Druck herausgenommen werden, dass alles perfekt zu sein habe. Hohe Erwartungen an werdende Eltern könnten abschrecken, so die Ministerin. Schwangerschaft und Elternschaft würden oft nur als große Herausforderung wahrgenommen, "es wird viel zu wenig gesehen, wie schön und sinnstiftend das auch ist", so Bauer, und appellierte: "Wir müssen das Positive stärker betonen."
Und natürlich sei auch bei begleitenden strukturellen familienpolitischen Maßnahmen noch Luft nach oben, räumte die Ministerin ein. Die Politik sei weiterhin gefordert, so Bauer, auch wenn Österreich bei Familienleistungen in Europa eine Vorreiterrolle einnehme. Das allein werde aber nicht dazu führen, dass wieder mehr Kinder auf die Welt kommen. "Es braucht ein gesamtgesellschaftliches Umdenken", so Bauer. Die Zeit drängte: Laut einer im Dezember veröffentlichten Studie hat die Zahl der Geburten in Österreich weiter abgenommen. Die durchschnittliche Kinderzahl pro Frau sank auf 1,31.
Mehr Zeit und mehr Druck
Familienforscherin Eva-Maria Schmidt berichtete von einer Reihe ambivalenter Entwicklungen. Zum einen würden Kinder zunehmend als zeit- und ressourcenintensiv bewertet, andererseits hätten Kinder noch nie so viel Zeit mit ihren Eltern verbringen können wie gegenwärtig. Erwartungen zeigten sich vor allem auch in den Köpfen potenzieller Eltern, soziale Normen blieben oft lange bestehen. So gebe es weiterhin unterschiedliche Ansprüche an Mütter und Väter, langsam allerdings auch Überlagerungen. "Gute" Mütter sollten möglichst viel Zeit für die Kinder aufbringen, zugleich aber auch wieder arbeiten gehen, "gute" Väter sollten die Familie finanziell absichern, sich zugleich aber viel mehr um ihre Kinder kümmern. "Der Druck auf die Eltern wird immer größer, niemand kann all diesen Erwartungen entsprechen", so Schmitt.
Wandel in Arbeitswelt notwendig
Männer würden sich oft erst dann für Kinder entscheiden, "wenn alles passt", berichtete der Psychoanalytiker Erich Lehner aus seiner beruflichen Erfahrung. Die Zugewandtheit von Vätern zu ihren Kindern sei in den vergangenen Jahren zugleich stark gestiegen, aber: "Die Verfügbarkeit endet bei beruflicher Verfügbarkeit." Dementsprechend müsse man in der Arbeitswelt ansetzen, forderte Lehner vor allem auch die Politik zum Handeln auf. Studien würden zeigen: Je qualitativ ausgeglichener eine Beziehung sei - was das Einkommen der Partner, aber auch die Zeit für die Kinder betrifft - umso stabiler und positiver sei dies für das gesamte Familiengefüge.
Fokus auf Einelternhaushalte
Die Geschäftsführerin der St. Elisabeth-Stiftung, Nicole Meissner, appellierte, die Einelternhaushalte verstärkt in den Fokus zu nehmen. Bei diesen seien die Herausforderungen noch viel größer: "Ein einzelner Mensch trägt die gesamte Last." Die Frage nach der Aufteilung der Arbeit stelle sich hier nicht. Vielfältige Überforderungen seien oft die logische Konsequenz. Dabei sei es wichtig, sich in solchen Situationen Hilfe und Beratung zu holen, sagte Meissner.
Sie verdeutlichte die schwierige Situation der Einelternhaushalte auch damit, dass deren Anteil gesamt gesehen zwar relativ stabil sei, die materielle bzw. finanzielle Situation habe sich für die Betroffenen aber massiv verschlechtert. Bereits 70 Prozent dieser Haushalte lebten an der Armutsgrenze.
Unter dem Motto "Mama, du schaffst das!" unterstützt die St. Elisabeth-Stiftung der Erzdiözese Wien schwangere Frauen, wohnungslose alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern und Familien in schwierigen Lebenssituationen. Die Stiftung hilft auf vielerlei Art, etwa mit kostenloser Familien-, Rechts- und Schwangerenberatung, mit Therapiestunden und einem sozialpädagogischen Team, mit vier Mutter-Kind-Häusern, Startwohnungen und Wohnberatung. Den (Wieder-)Einstieg in die Arbeitswelt unterstützt die Stiftung unter anderem mit einer Web- und Kreativwerkstatt, mit befristeten Anstellungen sowie Ausbildungen in "Mamas Café" und "Mamas Werkstatt".
Quelle: kathpress