
Theologe Jäggle: Zeitgleich Fasten "Zeit zum Wetteifern in der Liebe"
"Wenn Aschermittwoch und Beginn des Ramadans einander berühren, beginnt eine gemeinsame Zeit zum Wetteifern in der Liebe": Mit diesen Worten hat der Wiener Religionspädagoge Martin Jäggle das heurige Zusammentreffen der christlichen Fastenzeit mit dem islamischen Fastenmonat Ramadan beschrieben. Dass beide Fastenzeiten nahezu zeitgleich beginnen, beschrieb der ehemalige Präsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit in einem "feinschwarz"-Beitrag als "eine Chance, einander als Gläubige wahrzunehmen".
Während am 18. Februar mit dem Aschermittwoch die österliche Bußzeit begann, startete der Ramadan - da im Islam der Tag am Vorabend einsetzt - am Abend desselben Tages. Der erste Ramadan-Tag war somit der 19. Februar 2026. Ein solches kalendarisches Zusammentreffen werde es erst in 31 Jahren wieder geben, so Jäggle.
Fasten werde in allen Religionen hoch geschätzt, wenn auch mit unterschiedlichen Regeln. Als gemeinsame Anliegen nennt Jäggle körperliche und seelische Reinigung, Besinnung, Selbstdisziplin sowie die Stärkung der Beziehung zu Gott und zu den Mitmenschen. Ein "olympisches Wetteifern im Fasten" sei daher "absurd". Sehr wohl aber gelte der im Koran formulierte Aufruf: "So eilt zu den guten Dingen um die Wette" (Sure 5:48). Dies erkläre auch, warum der Ramadan "Monat der Wohltätigkeit" genannt werde. Gastfreundschaft und Almosen für Arme hätten besondere Bedeutung; wer nicht fasten könne, sei verpflichtet, Armen das Fastenbrechen zu ermöglichen. Dies sei im Islam wie im Christentum ein zentraler Inhalt, so der emeritierte Professor für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.
Zentraler Ausdruck der Gemeinschaft ist das abendliche Iftar, das Fastenbrechen, das 2023 in die UNESCO-Liste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen wurde. In den letzten Tagen des Ramadan begehen Muslime zudem die "Nacht der Bestimmung" (Lailat al-Qadr), die an die Offenbarung der ersten Verse des Koran erinnert.
Der Theologe wies zudem auf kindgerechte Formen des Fastens hin: Erste Fastenversuche bestünden etwa darin, nach der Schule bis zum abendlichen Fastenbrechen zu fasten oder auf einzelne Dinge wie Süßigkeiten zu verzichten. "Keinesfalls darf es gesundheitsgefährdend sein. Dieses Probefasten nehmen sie sehr ernst und können dabei - typisch für dieses Alter - an ihre Grenzen oder auch darüber hinaus geraten. Dabei brauchen sie einen nicht vorwurfsvollen Beistand", betonte der Religionspädagoge und verwies auch auf den vom christlichen Adventkalender inspirierten Ramadankalender.
Dass sich christliche und islamische Festzeiten sonst kaum berühren, liege auch an den unterschiedlichen Kalendersystemen: Der christliche Sonnenkalender und der islamische Mondkalender liefen grundsätzlich nebeneinanderher, weil es "keinerlei verbindende inhaltliche Knotenpunkte" gebe. Der christliche Kalender wiederum sei eng mit dem jüdischen verbunden, etwa an "Knotenpunkten wie Pessach-Ostern oder Schawuot-Pfingsten". Allerdings wüssten zu wenig Christinnen und Christen, "was sie im Jahreslauf mit dem Judentum verbindet und was sie ihm verdanken", gab Jäggle zu bedenken.
Der Ramadan und die ihn begehenden Muslime verdienten daher "großen Respekt, ja Wertschätzung aller, gerade von Gläubigen", betonte Jäggle. Wenn Fastenzeit und Ramadan heuer zeitgleich beginnen, könne dies helfen, "verschieden fastend einander als Andersgläubige am Weg zum selben Gott würdigen zu lernen".
Quelle: kathpress