
Caritas warnt vor steigender Armut und fordert Kurswechsel
Vor einer deutlichen Verschärfung der sozialen Lage in Österreich warnt die Caritas angesichts der am Mittwoch präsentierten aktuellen EU-SILC-Daten. Korrekturen in der Budget- und Sozialpolitik seien dringend erforderlich, denn die Zahlen seien ein "Weckruf, der uns zutiefst besorgt", erklärte Caritas-Präsidentin Nora Tödtling-Musenbichler in einer Aussendung. Armut und Ausgrenzungsgefährdung hätten weiter zugenommen: "Die Schere zwischen Arm und Reich geht dramatisch auf und das unterste Einkommensdrittel läuft Gefahr, den Anschluss jetzt komplett zu verlieren."
Insgesamt sind laut den jüngsten Daten 1,7 Millionen Menschen in Österreich armuts- oder ausgrenzungsgefährdet, rund 170.000 mehr als im Vorjahr. Insbesondere bei Kindern und Familien verschärfte sich die Lage: Die Zahl armutsgefährdeter Kinder und Jugendlicher stieg auf 376.000. 41 Prozent der Alleinerziehenden - in absoluten Zahlen 113.000 - leben demnach unter der Armutsgefährdungsschwelle, bei Familien mit drei oder mehr Kindern liegt der Anteil bei rund 35 Prozent. Insgesamt leben 261.000 Menschen in absoluter Armut und können sich grundlegende Lebensbedürfnisse wie Wohnen, Heizen oder ausreichende Ernährung nicht mehr leisten.
Auch Arbeitslosigkeit bleibt laut Caritas ein zentraler Risikofaktor. Mehr als die Hälfte der Langzeitarbeitslosen gilt als armutsgefährdet. Gleichzeitig sind niedrige Einkommen im Vergleich zur Gesamtbevölkerung deutlich schwächer gestiegen, wodurch sich die Einkommensschere weiter öffnet. "Diese Haushalte verlieren den Anschluss", heißt es in der Aussendung.
Sparen nicht bei den Armen
Vor diesem Hintergrund kritisiert die Caritas mit Blick auf das geplante Doppelbudget 2027/28 mögliche weitere Einschnitte im Sozialbereich. "Die Bundesregierung muss ihren Kurs korrigieren. Es kann nicht sein, dass bei den Menschen gekürzt wird, die bereits heute von Armut betroffen sind, oder drohen in diese hineinzurutschen", so Tödtling-Musenbichler. Sparmaßnahmen auf dem Rücken der Ärmsten seien sozialpolitisch unverantwortlich.
Die Organisation betont zugleich die Notwendigkeit von Budgetkonsolidierung, verweist jedoch auf soziale Grenzen. Zwar gab es bisher Maßnahmen zur Abfederung der Teuerung, diese reichten nach Einschätzung der Caritas jedoch nicht aus.
Geforderter "Armutscheck"
Unter den Caritas-Forderungen an die Regierung findet man unter anderem einen verpflichtenden Armutscheck bei allen politischen Maßnahmen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Doppelbudget, weiters die Anpassung der Ausgleichszulage an die Inflation sowie eine regelmäßige Valorisierung zentraler Sozial- und Familienleistungen. Zudem müsse das Ziel der Bundesregierung, Kinderarmut zu halbieren, stärker umgesetzt werden. Die geplante Kindergrundsicherung und ein Unterhaltsfonds sollten aus Sicht der Caritas rasch ausgeweitet werden.
Notwendig seien vor allem strukturelle Reformen, so die kirchliche Hilfsorganisation. "Wir müssen Armut verhindern, bevor sie entsteht, und sie nachhaltig zurückdrängen. Sie ist kein Schicksal, sondern die Folge von ungerechten Strukturen", forderte Tödtling-Musenbichler. Bei den geforderten Reformen gehe es "nicht um Almosen, sondern um kluge Investitionen in unsere Zukunft."
Quelle: kathpress