
Glettler: Differenzierter Blick auf Performance-Künstlerin Holzinger
Differenziert hat sich der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler zum Werk der Performance-Künstlerin Florentina Holzinger geäußert: "Nicht alles von ihr überzeugt mich. Aber ihr diesjähriger Biennale-Beitrag ist vielschichtig", so Glettler wörtlich im Interview mit der Wochenzeitung "Die Furche". Glettler ist in der Österreichischen Bischofskonferenz für Kunst und Kultur zuständig.
"Wirklich bewegend" sei das Bild einer großen Glocke vor dem österreichischen Pavillon. Zu jeder vollen Stunde wird diese durch eine nackte Performerin, die kopfüber als Pendel fungiert, zum Klingen gebracht. Das Schauspiel sei eine ikonographische Anspielung auf ein Detail des "Jüngsten Gerichts" von Hieronymus Bosch. Für ihn, so der Bischof, "hat Kunst in all ihren Facetten einen erfrischenden, heilsamen und manchmal auch widerspruchsvollen Mehrwert".
Zu Grenzen der künstlerischen Freiheit befragt, meinte der Bischof, dass sich das kaum theoretisch festlegen lasse: "Freiheit ist ein unschätzbarer Wert, den es zu verteidigen gilt. Die zeitgenössische Kunst reizt zum Glück immer wieder die bürgerlichen Grenzen des Geschmacks und der realen Darstellbarkeit menschlicher Erfahrungen aus. Auch religiöse Fragen müssen in der Kunst verhandelt werden dürfen."
"Warnung notwendig"
Die Wiener Festwochen beschäftigen sich dieses Jahr unter dem Thema "Republic of Gods" mit dem Verhältnis von Religion und Politik bzw. Macht. Für Bischof Glettler ist es auf jeden Fall ein aktuell notwendiges Thema, "weil eine Warnung notwendig ist". Religion lasse sich sehr leicht missbrauchen - um Menschen ideologisch zu beeinflussen und zu instrumentalisieren. Die Sehnsucht nach Orientierung inmitten eines irritierenden Zuviels an Informationen und Fakes werde geschickt genutzt, um vereinfachende Lösungen zu propagieren.
Er setze diesbezüglich auch auf "ein neues Pfingsten, das auch zu einer neuen Art von Politik inspirieren kann", so der Bischof, und weiter: "Wir müssen die demokratische Struktur unseres Staates von innen her wieder mit Leben füllen. Da ist leider nichts mehr selbstverständlich." Glettler warnte vor Gewalt, Gier und Enthemmung; die Botschaft der Kirchen stehe für das genaue Gegenteil.
In diesem Sinne sei Pfingsten auch ein politisches Fest: "Ein Fest des Widerstands gegen das Unrecht, gegen die soziale Kälte - auch gegen die Ausbeutung unserer Schöpfung." Nachsatz: "Was wir heute am meisten brauchen, sind Empathie und die Bereitschaft, gut miteinander zu kommunizieren."
Liebesbotschaft und Soziales Miteinander
Auf die jüngsten Turbulenzen rund um seine Predigt beim Gauderfest im Zillertal angesprochen, wonach ihm ein Tiroler FPÖ-Politiker vorwarf, "politisch zu agitieren", meinte Glettler: "Wer sich von einer Botschaft, die bewusst auf die Stärkung des sozialen Miteinanders abzielt, irritiert fühlt, hat für sich eine Aufgabe zu erledigen." Mehr wolle ich zu diesem Vorfall nicht mehr sagen. Eine parteipolitische Agitation liege ihm fern. Wichtig sei ihm aber, dass man "aus dem Modus der Aggression in den Modus der Ansprechbarkeit" komme, wie es etwa der deutsche Soziologe Hartmut Rosa ausgedrückt habe.
Es bleibe problematisch, wenn religiöse Symbole für parteipolitische Propaganda missbraucht werden, so der Bischof. Ein bedauerliches Beispiel dafür sei ein Social-Media-Posting der FPÖ zum Fest Christi Himmelfahrt. Glettler: "Das Foto einer hochgehaltenen geweihten Hostie dient als Bildmaterial für einen Parteislogan. Was soll man dazu sagen? Der Leib Christi ist doch das tiefste Symbol von Verbundenheit und Liebe, die allen Menschen geschenkt wird."
Anwalt für Menschlichkeit
Höchst besorgt zeigte sich der Bischof in diesem Sinn auch ob bestimmter Entwicklungen in den USA. Kriegsminister Pete Hegseth legitimiere etwa mit religiösem Pathos nicht nur den völkerrechtswidrigen Angriff auf den Iran, sondern liefere auch ein Musterbeispiel für ein pervertiertes Gebet: "Mit beschwörender Stimme flehte er zu Gott, dass er dem amerikanischen Waffeneinsatz eine präzise, zerstörerische Macht verleihen möge." Wie wohltuend habe andererseits Papst Leo XIV. hier dagegen gehalten, würdigte Bischof Glettler. Papst Leo sei mittlerweile ein weit über Kirchenkreise hinaus geachteter "Anwalt echter Menschlichkeit, eine weltweit unersetzliche Stimme für Versöhnung und Dialog".
Quelle: kathpress