
Sea-Watch-Aktivist: "Festung Europa wird nicht funktionieren"
Der österreichische Theologe und Sea-Watch-Aktivist Jakob Frühmann erhebt schwere Vorwürfe gegen die europäische Migrationspolitik: Die Abschottung Europas nehme den Tod von Flüchtenden im Mittelmeer bewusst in Kauf, so Frühmann im Vorfeld des Weltflüchtlingstags (20. Juni). Kritik übte Frühmann im Interview mit dem "Sonntagsblatt" der Diözese Graz-Seckau auch an den Behinderungen der zivilen Seenotrettung vonseiten der Politik und forderte von der katholischen Kirche mehr Unterstützung für deren Arbeit. "Man muss realistisch sein: Eine Festung Europa - das wird nicht funktionieren. Der Drang der Menschen, sich zu bewegen, sowie ihr Wunsch, in Sicherheit zu leben, ist stärker als jeder Zaun. Das zeigt die Gegenwart ebenso wie die Vergangenheit", so der Theologe.
Laut Vereinten Nationen waren 2025 weltweit 117,8 Mio. Menschen auf der Flucht. 155.100 Personen kamen über das Mittelmeer nach Europa, 1.952 sind bei dem Versuch gestorben oder werden vermisst. Seit 2020 arbeitet der frühere Religionslehrer für die zivile Seenotrettungsorganisation Sea-Watch, die seit 2015 aktiv ist.
Zwar sei die Rettung Schiffbrüchiger völkerrechtlich verpflichtend, dennoch würden Rettungsaktionen im Mittelmeer zunehmend politisiert, so Frühmann. Anders als bei Segelbooten würden Küstenwache sowie Kapitäne von Handelsschiffen oft zögern, Geflüchteten auf Boote zu helfen. Als Grund nannte er die EU-Migrationspolitik sowie Repression gegen NGOs, die Menschen vor dem Ertrinken retten. Italien versuche seit Jahren, die Präsenz ziviler Rettungsschiffe zu reduzieren. Behörden würden Schiffe durch wiederholte Kontrollen und administrative Maßnahmen wochenlang an der Ausfahrt hindern, so Frühmann. Und weiter: "Währenddessen ertrinken im Meer weitere Menschen."
Kritik übte der Theologe auch an der Zusammenarbeit der EU mit der sogenannten libyschen Küstenwache. Flüchtende würden nach Libyen zurückgebracht, wo es immer wieder zu Gewalt gegen Migranten komme. Erst im Mai sei eines der Schiffe von Sea-Watch beschossen worden, berichtete er: "Man drohte damit, Gerettete und Besatzung zu entführen. Trotz Gewalt und Todesgefahr flüchten Menschen also immer noch über das Meer (...)."
Eine dauerhafte Abschottung Europas hält Frühmann für unrealistisch. Denn: "Auch, wenn Grenzen errichtet werden: Menschen überqueren sie. Oft braucht es dafür viel Geld, Aufwand und Mut, aber es passiert."
Sein Engagement begründet Frühmann mit einem universellen Verständnis der Menschenrechte und dem Anspruch auf globale Bewegungsfreiheit. Gleichzeitig zeigte er sich enttäuscht über die Haltung der katholischen Kirche in Österreich. Während die Evangelische Kirche in Deutschland Sea-Watch wiederholt finanziell und öffentlich unterstützt habe, seien Versuche, österreichische Diözesen oder die Bischofskonferenz stärker einzubinden, "leider nur mit mäßigem Erfolg" verlaufen. Er wünsche sich mehr finanzielle Unterstützung und deutlichere öffentliche Positionierungen. "Gleichzeitig gibt es viele katholische Menschen oder Pfarren, die quasi anonym oder im Alltag unterstützen", so Frühmann.
Quelle: kathpress