Christoph Schönborn: Ein Besonnener war einst Revolutionär
Mit dem ungewöhnlichen Bild eines linken Protestierers während der Studentenrevolte in den 1960er-Jahren beginnt das österreichische Magazin für Politik und Gesellschaft "Datum" sein ausführliches Porträt des Wiener Erzbischofs, Kardinal Christoph Schönborn: 1967, sei er damals 22-jährige, "marx-affine" Student an der Ordenshochschule der Dominikaner bei Bonn mit der Mao-Bibel in der Hand marschiert. Auf der Düsseldorfer Königsallee habe er gegen die rigide alte Ordnung protestiert und dabei auch den "Draht" zu Gott verloren gehabt: Fast ein Jahr lang habe Schönborn nicht gebetet, das Diesseits zu gestalten hatte Vorrang gegenüber der "Vertröstung" auf das Jenseits, wird der Kardinal in der Zeitschrift zitiert.
Fast wäre der junge Ordensmann einer gewesen, der die Kirche im Zuge der antiautoritären Studentenbewegung verlassen hätte - bis ein Vorfall Vorbehalte gegenüber mancher Brutalität der Revolte geschürt habe. Schönborn berichtete von der geplanten Bestreikung eines "etwas schrulligen alten Professors", die er wegen der Gefahr eines Herzinfarktes des Betreffenden nicht mittragen wollte - erst recht nicht, als es über den Hochschullehrer geheißen habe: "Dann soll er krepieren."
"Datum" beschreibt den "ewigen Kardinal" (so der Titel), seit dem Abtreten von Erwin Pröll und Michael Häupl "längstdienender Würdenträger des Landes", auf insgesamt fünf Seiten als nachdenklichen, um Differenzierung bemühten, vom konkreten Leben und dem Einzelfall statt von starren Prinzipien ausgehenden Kirchenmann. Seine noch vom "Fall Groer" geprägte Anfangszeit als Erzbischof ist ebenso Thema wie sein behutsames Agieren angesichts der Wahl eines homosexuellen Pfarrgemeinderates in Niederösterreich oder seine an Papst Franziskus orientierte Linie beim Umgang mit wiederverheiratet Geschiedenen. Pfarrer Helmut Schüller, bis 1999 als Generalvikar zweiter Mann hinter Schönborn in der Erzdiözese Wien, zollt seinem "Ex-Chef" Anerkennung dafür, ein "sorgfältig abwägender Mensch" zu sein.
Politik lieber "hinter den Kulissen"
Das "einzige Mal, als Schönborn politisch dann doch so etwas wie laut geworden" sei, war laut dem Magazin im Bundespräsidentschaftswahlkampf 2016, als der Salzburger Weihbischof gegen den vermeintlichen "Gottes- und Kirchenfeind" Alexander Van der Bellen aussprach und sich dafür eine Rüge aus Wien holte: "Die katholische Kirche gibt keine Wahlempfehlung ab." Der Erzbischof bevorzuge es, Politik "öfter hinter den Kulissen als auf offener Bühne" zu machen, hieß es weiter. Mit allen Bundeskanzlern habe er seit seinem Amtsantritt 1995 "immer sehr persönlichen und direkten Kontakt" gepflegt. Konkret bedeutet das laut Schönborn, "dass man gegenseitig die Telefonnummern hat und auch nutzt, sich Sorgen direkt mitteilt".
Angesprochen auf seine Position zum wachsenden Einfluss des Islam in Europa thematisierte der Kardinal die Bevölkerungsentwicklung: "Ich stelle mir unermüdlich die Frage: Wie sieht die Demografie aus, in Bezug auf die Nachwuchszahlen der Muslime und die Nachwuchszahlen der anderen?" Wenn er gefragt werde, warum er bzw. die Kirche nicht gegen den Islam auftritt, verweise er gerne auf einen der Bibel entnommenen Rat des New Yorker jüdischen Europarechtlers Joseph Weiler: "Grow and multiply", also "wachst und vermehrt euch".
Seiner Sorge um die Fertilitätsrate und damit die Zukunft Europas äußere sich auch in seiner Ablehnung gegenüber der Öffnung der Ehe für Homosexuelle, der Verbreitung von Verhütungsmitteln und der Liberalisierung von Abtreibung und Sterbehilfe. Schönborns oft wiederholtes Plädoyer für den Schutz der Familie beruhe auf der Warnung: "Unser Kontinent sagt zu seiner Zukunft nicht Ja. Und das hat mit der Pille begonnen."
"Entscheidungs- statt Volkskirche"
"In Pragmatismus" übe sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz in Bezug auf den steten Rückgang des katholischen Bevölkerungsanteils und auch des Gottesdienstbesuchs in Österreich, schrieb "Datum" weiter. Schönborn beschrieb den "Übergang von einer Volkskirche zu einer Entscheidungskirche". Vorbei seien die Zeiten, in denen "schräg angeschaut" wurde, wer sonntags nicht in die Kirche ging. Radikale Umbrüche wie die Öffnung des Priesteramtes für Frauen und Verheiratete hält Schönborn letztlich nicht für zielführend. In Wien setze er auf eine spirituell und strukturell ausgerichtete Erneuerung, den Entwicklungsprozess "Apg 2.1". Außerdem "blüht sehr viel christliches Leben in Wien, das nicht direkt zur katholischen Kirche gehört", nahm der Erzbischof Bezug auf an orthodoxe Gemeinden abgegebene Kirchen. "Das ist mir lieber, als wenn dort ein Shoppingcenter oder ein Pub hineinkommt."
Abschließend spekuliert "Datum" über die Bedeutung Schönborn in der österreichischen Kirchengeschichte. Es sei "gut möglich, dass Schönborns 'Apostelgeschichte-Prozess' und seine Theologie der Differenzierung zum Vorbildschema wird, wie die Kirche mit schrumpfenden Gemeinden und den Widersprüchen zur Lebensrealität in Mitteleuropa umgeht". Genauso denkbar sei, dass es in diesem Übergangsstadium eher Revolutionen als einen differenzierten Weg der Mitte gebraucht hätte. Nachsatz: "Aber mit Revolutionen hat Christoph Schönborn schon vor Jahrzehnten abgeschlossen." (Info: https://datum.at/der-ewige-kardinal)
Quelle: kathpress