
Islamwissenschaftler: Im Islam "pluralitätssensible Haltung" stärken
Die Frage nach einer wertschätzenden Haltung innerhalb des Islam wie im Umgang mit anderen Religionen ist eine der drängendsten Fragen, die die islamische Theologie heute zu bearbeiten hat. Das hat der Islamwissenschaftler Prof. Zekirija Sejdini bei einem Vortrag am Donnerstagabend in Wien betont. Dabei zeigte sich Sejdini überzeugt, dass "eine pluralitätssensible und wertschätzende Haltung gegenüber anderen Religionen und Weltanschauungen aus islamisch-theologischer Perspektive" begründbar sei. Entscheidend sei dafür die theologische Entfaltung der "gottgegebenen Würde jedes Menschen", die jede Abwertung des anderen unterbindet, eine Kritik religiöser Absolutheitsansprüche im Islam sowie eine Orientierung an der Lebenswelt der Gläubigen.
Dass es eine solche theologische Grundlagenarbeit im Islam braucht, zeigte Sejdini anhand der Vorbehalte auf, mit denen heute dem Islam häufig begegnet werde: "Gewalt, menschenverachtende Rhetorik oder politische Instrumentalisierungen, die sich islamisch legitimieren, werden vielfach nicht als Aneignung oder Missbrauch gedeutet, sondern als Ausdruck einer dem Islam selbst zugeschriebenen Haltung bewertet." Die islamische Theologie sei dadurch herausgefordert, ihre "Wahrheitsbindung" so zu bestimmen, dass sie "Orientierung gibt und zugleich die Würde des religiösen Gegenübers schützt".
Dazu gelte es, drei Leitprinzipien im Islam zu stärken: Die Tatsache, dass Vielfalt zur Schöpfungsordnung gehört, dass sie "kein Ausnahmefall, sondern ein religiös ernst zu nehmender Normalzustand" sei; dass der Koran den Islam nicht als "konfessionelles Etikett" einer bloßen Zughörigkeit und Unterordnung versteht, sondern als eine "Haltung der Hingabe" - und schließlich, dass Heil im Koran nicht an die bloße Zugehörigkeit zum Islam gedacht werde, sondern als Folge eines "Gottesbewusstseins". Sejdini: "Vielfalt ist nicht als Fehlform zu lesen, sondern als Teil einer von Gott intendierten pluralen Ordnung. Religiöse Zugehörigkeit kann daher nicht als Grundlage dienen, ganze Gruppen normativ abzuwerten."
Der Vortrag Sejdinis stand unter dem Titel "Die Würde der Vielfalt: Wege einer pluralitätssensiblen islamischen Theologie in der Gegenwartsgesellschaft". Er war zugleich die Antrittsvorlesung Sejdinis als neuer Professor für Islam in der Gegenwartsgesellschaft am Institut für Islamisch-Theologische Studien der Universität Wien. Sejdini hat an der Kairorer al-Azhar-Universität, an der Marmara-Universität in Istanbul sowie an der Universität Heidelberg in Deutschland studiert. Er arbeitete u.a. an der Islamischen Religionspädagogischen Akademie in Wien und war von 2014 bis 2025 Professor für Islamische Religionspädagogik an der Universität Innsbruck.
Quelle: kathpress