
Caritas Europa-Präsident Landau:
"Ukrainer überleben nur, wenn wir sie nicht im Stich lassen"
Caritas Europa-Präsident Landau:
"Ukrainer überleben nur, wenn wir sie nicht im Stich lassen"
Mit eindrücklichen Worten hat Michael Landau, Präsident der Caritas Europa, zur weiteren Unterstützung der Menschen in der Ukraine aufgerufen. Zugleich zeigte sich Landau im Interview mit den "Salzburger Nachrichten" (Dienstag) überzeugt, dass sich auch für Österreich die Sicherheitslage deutlich geändert hat. Es sei ungeheuer beeindruckend, wie die Menschen in der Ukraine zusammenstehen und sich nicht unterkriegen lassen, so Landau: "Man sieht die enormen Zerstörungen und hört gleichzeitig, wie auf den Dächern gehämmert und repariert wird. Die Menschen lassen sich nicht unterkriegen. Aber ihre Lage ist sehr, sehr fordernd. Sie überleben nur, wenn wir sie nicht im Stich lassen."
Zur Frage, welche Lehren Österreich aus dem Schicksal der Ukraine ziehen sollte, meinte Landau: "Ich war in den vergangenen Monaten viel im Baltikum, in Skandinavien und Osteuropa unterwegs und ich habe bemerkt: Überall gibt es ein deutlich höheres Bewusstsein dafür, dass Sicherheit und liberale Demokratie keine Selbstläufer sind, als das in Österreich der Fall ist."
Die Gefährdungslage auch für Österreich sei eine andere als vor einigen Jahren: Die ukrainische Grenze sei von Wien nicht weiter entfernt als der Bodensee, so Landau: Nachsatz: "Die Probleme verschwinden nicht, wenn man sich die Hände vor die Augen hält. Wir dürfen nicht naiv sein, sondern müssen entschlossen und gemeinsam handeln - ohne Hysterie und ohne Angst."
Umfassendes Sicherheitsverständnis
Man erlebe derzeit eine Phase der tiefgreifenden Umbrüche - "vom brutalen Angriffskrieg auf die Ukraine über das Zerbrechen alter Partnerschaften bis hin zu Formen hybrider Kriegsführung". Er wolle deshalb dringend für ein umfassenderes Sicherheitsverständnis in Österreich werben, sagte der Caritas-Europa-Präsident: "Man hat sich nach dem russischen Überfall auf die Ukraine zu Recht viele Gedanken über die militärische Komponente gemacht." Das Sicherheitsverständnis sollte aber nicht nur das Militär umfassen, man müsse auch die zivile, wirtschaftliche und vor allem die soziale Komponente mitdenken. Gerade letztere sei integraler Bestandteil einer stabilen Gesellschaft. "Sicherheit, Stabilität und Frieden sind längst nicht mehr nur eine Aufgabe von Politik und Bundesheer, sondern eine Verantwortung, die uns alle betrifft", so Landau.
Hilfsorganisationen wie die Caritas und das Rote Kreuz hätten bei vielen Gelegenheiten - von der Pandemie bis zum Hochwasser - bewiesen, dass sie "Krise können". Sie sollten daher in die staatliche Krisenvorsorge eingebunden werden, plädierte Landau. Es gehe etwa um die Schaffung von Resilienzräumen, also von Orten, wo die Menschen im Krisenfall Unterstützung finden können: Licht, Wärme, Lebensmittel. In der Ukraine seien solche Resilienzräume derzeit sehr wichtig, damit sich die Menschen aufwärmen können.
Landau wies darauf hin, dass es etwa die Erzdiözese Wien schon jetzt eine Reihe von Pfarren gebe, die sich als "Lichtinseln" genau darauf vorbereiten: mit Generatoren, Feldbetten, Lebensmitteln.
Zur Frage, wie seine Überlegungen zum kirchlichen Friedensauftrag passen, antwortete Landau: "Frieden ist keine Utopie, sondern etwas, das es gemeinsam anzustreben gilt. Aber genauso klar ist: Der Friede ist ein Werk der Gerechtigkeit. Die Stärke des Rechts darf nicht dem Recht des Stärkeren weichen." Der Grundsatz, einen Überfallenen nicht im Stich zu lassen, sei daher auch von der Kirche nie infrage gestellt worden.
"Man darf für sich selbst in Anspruch nehmen, sich nicht zu verteidigen. Aber einem anderen, der überfallen wird, nicht zu helfen, ihn nicht zu verteidigen, wäre ein falsches Verständnis von Friedfertigkeit", zeigte sich der Caritas-Europa-Präsident überzeugt.
Quelle: Kathpress