Samstag 25. Februar 2017

Religion & Gewalt

Nach dem schwersten Terroranschlag in der jüngsten Geschichte Frankreichs, bei dem zwölf Menschen getötet wurden, herrscht weltweite Betroffenheit. Politische Verantwortungsträger, Organisationen und Verbände verurteilten das Attentat. Auch Papst Franziskus verurteilt den verübten Terrorakt "aufs Schärfste". Er bezeichnete diese Gewalt unter dem Deckmantel eines deformierten Religionsverständnisses als "abscheulich" und fordert jeden auf sich "mit allen Mitteln der Ausbreitung von Hass und jeder Form von moralischer und körperlicher Gewalt entgegenzustellen".

 

Nur wenige Stunden vor dem Anschlag empfing der Papst eine Gruppe islamischer Imame aus Frankreich, die er bei seiner wöchentlichen Generalaudienz ausdrücklich willkommen hieß. Mit Abscheu und Entsetzen reagierte auch die islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich. In einer Aussendung hieß es, dass Muslime sich eindeutig gegen diese Abscheulichkeiten positionieren, die keinerlei Rechtfertigung in der Religion finden könnte. Frankreichs wohl bekanntester Iman, der aus Tunesien stammende Hassen Chalghoumi betont, dass "diese Barbarei der Angreifer nichts mit dem Islam zu tun hat" und bezeichnete die getöteten Journalisten als "Märtyrer der Freiheit".

 

Vielmehr sind gerade die Opfer des Jihadismus häufig Märtyrer, da sie ihre religiösen Überzeugungen auch unter Todesandrohung nicht zur Disposition stellen

 

Es ist jener Märtyrerbegriff, der in islamistischen Terrororganisationen eine zentrale Rolle einnimmt. Der Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück unterstrich dazu jüngst in einem Gastbeitrag in der "Neuen Zürcher Zeitung", es sei irreführend und pervers, Selbstmordattentäter mit dem Ehrentitel von Märtyrern zu schmücken. "Vielmehr sind gerade die Opfer des Jihadismus häufig Märtyrer, da sie ihre religiösen Überzeugungen auch unter Todesandrohung nicht zur Disposition stellen", so Tück. Angesichts einiger drastischer Aussagen im Koran zum Krieg gegen Nichtmuslime und "Götzenanbeter" stehe der Islam und die heutige Koran-Auslegung vor der großen Herausforderung, den Attentätern die theologische Legitimation für ihre Taten zu entziehen, so Tück.

 

Am Mittwochmittag, dem 7. Jänner, waren zwei mit Kalaschnikows bewaffnete Männer in die Redaktion des französischen Satiremagazins "Charlie Hebdo" eingedrungen, das für seine religionskritischen Karikaturen bekannt ist, ein und schossen um sich. Mindestens zwölf Menschen wurden getötet. Die mutmaßlich islamistischen Täter – laut Medienberichten handelt es sich um die beiden Brüder Saïd und Chérif Kouachi – bekannten sich zum Al-Qaida Netzwerk im Jemen. Nach einer groß angelegten Fahndung wurden beide Täter am 9. Jänner von Sicherheitskräften erschossen. Medien sprechen von einem Anschlag auf die Pressefreiheit, die Ciro Benedettini – stellvertretender Leiter des vatikanischen Presseamtes – in einer ersten Stellungnahme als "genauso wichtig wie die Religionsfreiheit" bezeichnete.

 

Doch die Fragen bleiben: wie weit darf oder soll Karikatur gehen? Wo zieht man die Grenze zwischen humoristischer Kritik und offener Beleidigung? Spielt man den islamistischen Fundamentalisten in die Hände, wenn man sich einer falschen, angstbasierten Rücksichtnahme ergibt? Gleichzeitig müssen sich Medien die Frage gefallen lassen, ob es denn wirklich die Freiheit ist, die sie durch oftmals taktlose und pauschalisierende Karikaturen gewinnen. Gibt es wirklich ein "Recht, zu beleidigen"? Und ist es wirklich ein religiöses Problem, das sich hier manifestiert oder nicht doch ein soziales?

 

Gelingt es aber nicht, Minderheiten in unserer Gesellschaft besser zu integrieren und so zu integrieren, dass sie wirklich als wertvolle Bürger geachtet werden, dann werden wir bald dieselben Probleme bekommen.

 

Der Innsbrucker Dogmatiker Jozef Niewiadomski warnt davor den jüngsten Anschlag auf einem rein religiösen Hintergrund erklären und verstehen zu wollen. Um solchen Gewaltphänomenen entgegenzutreten, müssten zunächst die "realen Ursachen", die der Nährboden für Radikalisierungen sein, benannt werden: "Die triste wirtschaftliche Situation vieler Migranten, ihre mangelhafte Integration und die geringen Chancen, diesem Elend zu entkommen". Die Situation in Österreich sei noch einmal anders gelagert wie etwa in Paris oder Berlin. "Gelingt es aber nicht, Minderheiten in unserer Gesellschaft besser zu integrieren und so zu integrieren, dass sie wirklich als wertvolle Bürger geachtet werden und die gleichen Aufstiegsmöglichkeiten haben, dann werden wir bald dieselben Probleme bekommen."

 

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