Samstag 10. Dezember 2016
22. Dezember 2015

"Nichts hemmt Solidarität so sehr wie Angst"

Caritas-Präsident kritisiert Säumigkeit der Politik bei Förderung eines "Klimas des Miteinanders"

Caritas-Präsident Michael Landau

Beim Thema Flüchtlinge sind seitens der Politik "viele Sorgen und Ängste in die Diskussion hineingetragen worden", so hätten sich das Innen- und das Verteidigungsministerium "viel zu lange den Ball zugespielt": Das bemängelte Caritas-Präsident Michael Landau am Umgang der politisch Verantwortlichen in einem Interview der "Niederösterreichischen Nachrichten" (NÖN, Dienstag-Ausgabe). "Nichts hemmt Solidarität so sehr wie Angst", warnte er vor kurzsichtiger Emotionalisierung.

Angesprochen auf seine bereits im Sommer 2014 geäußerte Kritik am Tauziehen um Asylplätze zwischen Bund und Ländern - angesichts des damals noch geringen Flüchtlingszustroms hatte Landau von einem "politischen Sommertheater" gesprochen -, erklärte der Caritas-Chef: Er habe es "als ganz schwierig empfunden, dass damals eine Zeit lang Tag für Tag Alarmmeldungen aus dem Innenministerium gekommen sind, statt zu sagen: Ja, wir stehen vor einer fordernden Situation. Und wir können diese Situation nur gemeinsam bewältigen".

Die Zeit seither "hätte besser genutzt werden können", befand Landau. "Etwa, um früher nach Quartieren zu suchen und um ein Klima des Miteinanders zu schaffen." Der Angst, das Flüchtlingsproblem könnte die Gesellschaft zerreißen, könne am besten begegnet werden durch dreierlei: Information, Haltung und Begegnung.

Landau forderte, das kommende Jahr als "Jahr der Integration" zu gestalten: "Wir müssen vor Ort helfen und nach Möglichkeit Frieden schaffen. Gemeinsam können wir aber auch die Herbergsuche in Österreich und Europa zu einem menschlich guten Abschluss bringen." Klar sei, dass die anstehenden Aufgaben in Österreich nur mit einem breiten Schulterschluss zwischen Bund, Ländern, Gemeinden und Zivilgesellschaft zu bewältigen sind.

Die Bürgermeister lobte der Caritas-Präsident für deren gestiegene Bereitschaft, Flüchtlinge aufzunehmen. Ein "ganz großes Danke" gebühre auch den Pfarrgemeinden, Klöstern, vielen Vereinen und Privatpersonen, die in Österreich "viele Orte der Mitmenschlichkeit" schaffen würden. Bundesweit hätten sich bei der Caritas in den vergangenen Monaten etwa 15.000 Menschen gemeldet, die sich engagieren wollen, freute sich Landau. An den Bahnhöfen, den Grenzen und in Notquartieren werde "Unglaubliches geleistet".

Er halte es aber auch für "wesentlich, jetzt ebenso die Nöte der Österreicher nicht zu vergessen", unterstrich der Caritas-Chef. Es dürfe nicht der Eindruck entstehen, die Aufmerksamkeit des Landes fokussiert ausschließlich auf das Thema "Menschen auf der Flucht". Die Caritas habe jetzt ganz bewusst ihre Aktivitäten rund um Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit oder Pflege ausgebaut. Landau: "Für uns als Caritas ist klar, es kann nicht heißen entweder oder, sondern es muss heißen sowohl als auch."

Laut NÖN betreibt die Caritas in Niederösterreich - hauptsächlich im Bereich der Erzdiözese Wien - derzeit zwölf Einrichtungen, in denen insgesamt rund 900 Flüchtlinge untergebracht sind. Darunter Häuser in Maria Enzersdorf (St. Gabriel), Eggenburg und Guntramsdorf, wo nur unbegleitete minderjährige Flüchtlinge betreut werden.

Wo liegt "Obergrenze" bei Aufnahme?
Gegen die zuletzt von Vizekanzler Reinhold Mitterlehner genannte Obergrenze von 90.000 bis 100.000 Schutzsuchenden, die Österreich im kommenden Jahr unterbringen könne, hat sich Bernd Wachter, Generalsekretär der Caritas Österreich, gewandt. Er verwies am Dienstag gegenüber der "Wiener Zeitung" auf die "klare Rechtsposition" durch die Genfer Flüchtlingskonvention, die auch für den Vizekanzler verbindlich sei. Von einer Obergrenze für Flüchtlinge sei in dem von Österreich ratifizierten UN-Dokument keine Rede. Asyl sei ein Menschenrecht und dieses nicht verhandelbar, sagte Wachter.

Zugleich räumte der Generalsekretär ein, dass ein Land wie Österreich nicht unzählig viele Menschen aufnehmen könne. Mehr europäische Solidarität und eine gemeinsame EU-Quotenlösung seien erforderlich. Über die genannten 100.000 Flüchtlinge hinaus sieht Wachter etwas Luft nach oben: "Wie wir sehen, ist mit gutem Willen vieles machbar." Staaten wie der Libanon, wo mittlerweile jeder Vierte ein Flüchtling ist, hätten die Grenzen des Machbaren überschritten, Österreich noch nicht.

 

Quelle: Kathpress

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