Sonntag 4. Dezember 2016
22. Januar 2016

"Obergrenzen Verstoß gegen Menschenrechte"

Pastoraltheologin fordert in "Kathpress"-Interview "klares Eintreten" gegen Vorstöße von Parteien, die christliche Werte benützen, "um Politik gegen Menschen zu machen"

Regina Polak

Die aktuelle Kritik verschiedener kirchlicher Institutionen an dem Regierungsbeschluss einer Obergrenze für Flüchtlinge ist für die Wiener Pastoraltheologin Prof. Regina Polak nur allzu verständlich: "Das ist ein klarer Verstoß gegen die Menschenrechte." Obergrenzen signalisieren für die Theologin, "dass wir uns nicht an geltendes Recht halten". Besorgt zeigte sich Polak im "Kathpress"-Interview über die "zunehmende Polarisierung" in der Gesellschaft und die "Desensibilisierung der Sprache": Mit einer Obergrenze werde das Recht "ohne Not" auf der sprachlichen Ebene ignoriert.

Die Katholische Kirche nimmt für Polak in Migrations- und Fluchtfragen eine Vorreiterrolle ein. Schon 2010 habe die Kirche mit einem Jahr der Migration bewiesen, dass das Thema große Bedeutung habe. Polak: "Ich bin stolz auf meine Kirche." Von der Kirchenleitung erwartet sich die Pastoraltheologin nun aber auch ein "klares Eintreten" gegen Vorstöße von Parteien, die christliche Werte benützen, "um Politik gegen Menschen zu machen".

Polak diskutierte vor Kurzem mit dem Integrationsexperten Kenan Güngor und dem stellvertretenden Chefredakteur der Wiener Zeitung, Walter Hämmerle, bei einer Veranstaltung in Wien zum Thema "Wann wird es uns zu bunt? Wie viel religiöse und kulturelle Durchmischung verträgt Europa?". Die Theologin betonte gegenüber "Kathpress", dass die zweite Frage "falsch" gestellt sei. Sie berief sich dabei auf eine Langzeitstudie des deutschen Erziehungswissenschaftlers Wilhelm Heitmeyer, die die sogenannte "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" untersuchte. Die Pastoraltheologin betonte von der Studie ausgehend, dass das Problem in der aktuellen Situation nicht Migration und die "damit verbundene Vielfalt" sei, sondern "Armut sowie die Unrechts- und Ungerechtigkeitsverhältnisse". Die richtige Frage wäre somit für Polak: "Wie viel soziale Ausgrenzung, wie viel Armut, wie viel Unrecht erträgt die Gesellschaft?"

Vielfalt sei normal und werde durch die Zuwanderung nur "deutlicher sichtbar", so die Pastoraltheologin: "Schon in der Schöpfung ist Pluralität da. Vielfalt ist das Gesetz der Erde." Mit Berufung auf die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel hob Polak hervor, dass Gott Einheit nicht als Einheitlichkeit denke, sondern die Menschen ins Gespräch bringen möchte, damit sie sich kennenlernen. Fremdheit sei ein "Schutz", der "mich zwingt, auf Menschen zuzugehen und mich zu bemühen, sie zu verstehen".

In Kontexten mit wachsender Armut wie in der aktuellen Situation sieht die Theologin einen "rassistischen Diskurs", wie er teilweise geführt werde, als "Ablenkungsmanöver". Dies sei "höchst gefährlich" und könne in Verhältnisse führen, die in Europa schon in der Vergangenheit geherrscht haben.

Polak fürchtet, dass das große zivilgesellschaftliche Engagement der letzten Monate "am Erlahmen" sei. Noch im Herbst sei eine "große Solidarität und Selbstverständlichkeit der Hilfsbereitschaft" in Österreich wahrnehmbar gewesen. Die Theologin sieht nun Ermüdungserscheinungen in der Zivilgesellschaft. Sie bezeichnete den "solidarischen Widerstand" eines Teils der österreichischen Bevölkerung im Herbst als ein historisch "neuartiges Phänomen". Das große Engagement habe die Politik zum Handeln gezwungen. Polak bedauert, dass Politiker damals "nur restriktiv" gehandelt hätten.

 


Polak zu gesellschaftlichen Konflikten


 

Für die nächsten Monate wünscht sich die Religionspädagogin "ein bisschen Deeskalation" und einen "nüchternen Blick auf die vielen Möglichkeiten und Ressourcen, die wir haben". Die Aufnahme von Flüchtlingen könne den Kontakt mit "ganz verschiedenen Glaubenserfahrungen" und anderen "theologischen Kontexten" ermöglichen. Polak hofft, dass die Kirche in den nächsten Monaten weiter die große Chance der Zuwanderung wahrnehme: Mit der Ankunft der Flüchtlinge biete sich die "unglaubliche" Möglichkeit, "aufzuwachen und lebendig zu werden".

Polak unterstrich die Aussage des scheidenden Oberrabbiners Paul Chaim Eisenberg, wonach es in der Flüchtlingsfrage "Herz und Hirn" brauche. Es müsse "nüchtern die Komplexität" wahrgenommen werden, andererseits brauche es aber auch die "Perspektive der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit". Die Theologin ortet in der Gesellschaft eine "Ideologisierung", die durch Polarisierung entstehe. Die eine Seite weigere sich, über "real existierende Konflikte und Problemlagen" nachzudenken; die andere Seite fürchte sich vor einer "Islamisierung Europas" und der "Unterdrückung von Christen". Beide Extreme seien für Polak "übertrieben"; das als zweites genannte Extrem sei vor allem "Angstmache".

Migration sensibilisiert für Frage nach Gott
Polak hat sich in ihren pastoraltheologischen Forschungen unter anderem auf den Bereich "Religion im Kontext von Migration" spezialisiert. Für sie ist mit Blick auf die Texte des Alten Testaments "unser Glaube maßgeblich im Kontext von Erfahrungen von Migration" entstanden. Exil, Diaspora, Vertreibung und Befreiung seien in dem Zusammenhang zentrale Begriffe. "Mit den Augen des Glaubens gesehen" betrachtet Polak Migration als einen Ort - einen sogenannten "locus theologicus" -, der "in besonderer Weise sensibel" mache, mit Gott in Verbindung zu treten. Menschen können die Erfahrung machen, dass "diese konkrete Erde" zwar Heimat gebe, aber auch genommen werden könne. Migration sensibilisiere somit für die Frage nach Gott und sei "glaubensproduktiv", so die Theologin.

Migration müsse laut Polak in der deutschsprachigen Theologie noch mehr als "explizites Thema" wahrgenommen werden, das alle theologischen Fächer betreffe. Es sei eine Pflicht, zu erkennen, dass Theologie nicht in einer "zeit-, kontext- und geschichtslosen Zone" betrieben werde, sondern in einer "Migrationsgesellschaft". Gerade im Bereich der Exegese sei eine Weitung des Blicks auf das Thema Migration zentral: Viele biblische Texte seien "von einer Minorität für eine Minorität aufgrund von Problemen einer Minorität" geschrieben worden. Deshalb stellt sich für Polak die Interpretation anders da, als würden die Texte aus einer Mehrheitsrolle heraus gelesen werden.

 

 

Quelle: kathpress

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