
Wien: Ökumene-Tagung nimmt kirchliche Friedensarbeit in die Pflicht
Das Frieden und Versöhnung stiftende Potenzial des Evangeliums wird in zahlreichen Konfliktregionen von den Kirchen bisher nicht genügend gesellschaftlich fruchtbar gemacht. Das war der Tenor zum Auftakt der Pro Oriente-Konferenz "Healing of Wounded Memories" (Verletzte Erinnerungen heilen) in Wien, über die der Pro Oriente-Informationsdienst am Freitag berichtete.
Bei den Impulsen und Diskussionen sei demnach auch deutlich gerworden, dass es mehr ökumenische Zusammenarbeit braucht, damit die Kirchen stärker friedensstiftend wirken können.
Pro Oriente möchte mit der neuen ökumenischen Initiative Räume des Vertrauens eröffnen, um bestehende Konflikte zu überwinden und neue Formen des friedlichen Zusammenlebens zu ermöglichen. Bei der Tagung wurde betont, dass sich auch die Theologie mit den Herausforderungen beschäftigen muss, die sich aus der unzureichenden befriedenden Wirkung der Kirchen ergeben. Dabei wurde aufgezeigt, dass sich in Praxis und Theorie zahlreiche offene Fragen rund um Versöhnungsprozesse ergeben.
Rund 50 Teilnehmende aus ganz Europa, ebenso aus den USA und dem Nahen Osten, waren zur Tagung (9.-11. November) nach Wien gekommen. In der bis Samstag laufenden Konferenz werden konkrete geopolitische Konfliktfelder in den Blick genommen: Südosteuropa, Osteuropa mit dem Schwerpunkt Ukraine, und der Nahe Osten. Die Bedeutung kollektiver Geschichtsbilder und Traumata in diesen und anderen Konflikten wird ebenso beleuchtet wie theologische und ökumenische Grundlagen von Vergebung und Versöhnung.
Mit der Konferenz wolle Pro Oriente jene Kräfte in Kirche und Gesellschaft stärken, die sich für Versöhnung in ihren Ländern einsetzen, hielt Pro Oriente-Präsident Alfons Kloss in seinem Grußwort fest. In Zeiten von Terror, Kriegen und Konflikten in viel zu vielen Regionen der Welt, wo neue Wunden entstehen, sei dies eine immense Herausforderung, räumte Kloss ein. Zugleich zeigte er sich überzeugt, dass beim Bemühen um Frieden und Versöhnung in besonderer Weise eine ökumenische Verbundenheit von Christinnen und Christen verschiedener Kirchen gefordert ist.
Kloss hielt wörtlich fest: "Wir mögen nicht alle Antworten auf die drängenden theologischen Fragen rund um Krieg und Frieden haben, aber wir werden nicht müde, eng zusammenzuarbeiten mit unseren Brüdern und Schwestern für eine menschlichere Welt." Diese Konferenz sei erst der Beginn einer ökumenischen Reise in den nächsten Jahren.
Versöhnung steht am Ende
Die orthodoxe Theologin Ekaterini Pekridou, die für die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) arbeitet, der griechisch-katholische Theologe Pavlo Smytsnyuk aus der Ukraine und der libanesische orthodoxe Theologe und leitende Weltkirchenrats-Mitarbeiter Michel Nseir eröffneten die Konferenz mit Reflexionen zu konkreten Erfahrungen ökumenischer Institutionen mit gelungenen und gescheiterten Versöhnungsprozessen. So wurde bei den Ausführungen der Referentinnen und Referenten, aber auch anderer Teilnehmender in der anschließenden Diskussion, rasch deutlich, dass Vergebung und Versöhnung erst am Ende eines langen Prozesses stehen könnten. "Solange die Wunde noch offen ist - wie kann es da Versöhnung geben?", brachte es etwa Nseir auf den Punkt. Man müsse auch stets betonen, so Smytsnyuk, "dass Vergeben nicht Vergessen bedeutet".
Theologie müsse immer kontextualisiert betrieben werden, führte Nseir aus, er hob zugleich aber einige Imperative hervor, die sich jeder Kontextualisierung entzögen und allgemeine Gültigkeit hätten. Dazu zählte er die gleiche Würde aller Menschen, die Option für die Armen und Unterdrückten, die Verpflichtung zur ökumenischen Zusammenarbeit, den Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden sowie die Verpflichtung zur Versöhnung. Bei diesen Themen gebe es nichts zu relativieren.
Instrumentalisierung der Kirchen
Im weiteren Verlauf der Diskussion wurde auch das Verhältnis zwischen den Kirchen und politischen Machthabern in Geschichte und Gegenwart analysiert. Dabei wurde vor der Gefahr der Instrumentalisierung der Kirchen zur Legitimation von staatlichem Handeln gewarnt. Pekridou kritisierte in diesem Zusammenhang zum einen die Position des Moskauer Patriarchen Kyrill, der den Angriff Russlands auf die Ukraine legitimiere und überhöhe, zum anderen zeigte sie sich auch enttäuscht über innerorthodoxe Verwerfungen, die auch Einfluss auf die ökumenische Zusammenarbeit hätten, beispielsweise in der KEK oder auch dem Weltkirchenrat.
Angesprochen wurden vor allem von Pavlo Smytsnyuk auch einige theoretische Fragen: Wer kann überhaupt vergeben? Kann Vergebung eingefordert werden? Kann im Namen anderer vergeben werden? Wem sollte überhaupt vergeben werden? Gibt es so etwas wie kollektive Schuld und infolge dessen auch kollektive Vergebung?
Als positives Beispiel, bei dem die Kirchen gemeinsam zu Versöhnung beitragen konnten, wurde Südafrika nach dem Ende der Apartheid genannt. Ein großes Thema bei der Konferenz war auch der zunehmende Relevanzverlust des Völkerrechts. Als ein großes Hindernis für Versöhnung identifizierte u.a. Pekridou zudem ungerechte gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Strukturen.
Die Tagung wird vom Bundeskanzleramt, dem Außenministerium, dem deutschen katholischen Osteuropa-Hilfswerk Renovabis, der Erzdiözese Köln, der Stiftung Zusammenleben und dem Vienna Meeting Fund unterstützt.
Infos: www.pro-oriente.at/projekte/healing-of-wounded-memories
Quelle: kathpress